Lübecks Marienkirche schließt, damit sie offen bleiben kann
St. Marien war die Kirche des Rates und der Kaufleute. Ihr gotischer Bau prägte rund 70 weitere Kirchen im Ostseeraum und brachte ihr den Beinamen „Mutter der Backsteingotik“ ein. Das Mittelschiff erreicht eine Gewölbehöhe von 38,5 Metern: höher reicht kein Backsteingewölbe der Welt. Als Teil der Lübecker Altstadt gehört die Kirche zum UNESCO-Welterbe. Der Luftangriff in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 zerstörte große Teile des Bauwerks. Auf die Sicherung der Ruine folgte der Wiederaufbau. Heute geht es darum, die historische Substanz und die Kunstwerke dauerhaft zu erhalten.
Im Südturm liegen zwei Glocken, die seit 1942 nicht mehr läuten. Als St. Marien in der Nacht zum Palmsonntag ausbrannte, stürzten sie herab und zersprangen. Die Sonntagsglocke von 1508 stammt von Hinrik van Kampen und wog rund zwei Tonnen. Die Pulsglocke des Ratsgießers Albert Benningk von 1668 brachte gut sieben Tonnen auf die Waage. Ihre erhaltenen Trümmer erinnern in der Gedenkkapelle an den Bombenkrieg. Der Ort erhielt nach dem Krieg zugleich eine Bedeutung für Vertriebene, deren Angehörigengräber unerreichbar geworden waren. 1951 stiftete Bundeskanzler Konrad Adenauer eine neue Pulsglocke zur 700-Jahr-Feier der Kirche. Während oben wieder Glocken erklangen, blieben unten die zerbrochenen Vorgänger sichtbar. Das Nebeneinander von Wiederaufbau und Verlust prägt diesen Raum bis heute.
Die Sanierung führt auch unter den Kirchenboden. Vor dem Einbau der neuen Temperierungsanlage untersuchen Archäologen die Flächen, in denen später Bodenstationen liegen sollen. Schon die erste Grabungskampagne von November 2025 bis April 2026 brachte Grüfte aus dem 17. Jahrhundert ans Licht. In den Seitenschiffen und im Chor fanden sich verputzte, bemalte Wände, Schriftzüge und Reste verzierter Sargbeschläge. Die Aufnahme zeigt eine dieser freigelegten Grabkammern mit erhaltener Wandgestaltung. Bis zu vier Meter tief reichen die Untersuchungen; stellenweise wurden vier Särge übereinander festgestellt. Die Grabplätze waren über Jahrhunderte mehrfach genutzt worden. Unter älteren Schichten erwarten die Fachleute weitere Hinweise auf Vorgängerbauten. Ob eine Gruft später unter einer Glasplatte sichtbar bleibt, ist bislang eine Überlegung der Gemeinde.
Über den Grabungsflächen wartet die nächste Aufgabe: die Restaurierung der Raumschale. Dazu zählen die Malereien an Gewölben, Wänden und Pfeilern sowie die Fenster. Sie sollen ausgebaut, ihre Metallteile entrostet und die Verglasungen neu verkittet werden. Die neue Anlage soll den Kirchenraum behutsam temperieren und ein möglichst gleichmäßiges Klima für die Kunstwerke schaffen. Für die Sanierung sind rund 28 Millionen Euro veranschlagt. Nach dem Finanzierungskonzept soll der Bund die Hälfte tragen; zur übrigen Finanzierung gehören städtische Mittel, Stiftungsbeiträge und Spenden. Die angekündigte Wiederöffnung im Mai 2027 bedeutet nicht den Abschluss aller Arbeiten. Weitere Bauabschnitte sind bis voraussichtlich 2030 vorgesehen. Die Schließung betrifft den regulären Kirchenbesuch; Turm- und Gewölbeführungen sollen nach Angaben der Gemeinde weiterhin stattfinden.
Karin